Co-Creating Europe: Einheit in Vielfalt

Eine neue transnationale Version für den Kontinent

Vom 11. – 14.Juli trafen sich 40 PionierInnen eines neuen transnationalen europäischen Bewusstseins in der Hügellandschaft nahe Plovdiv (Bulgarien), der europäischen Kulturhauptstadt 2019. Sie folgten der Einladung der Initiative Co-Creating Europe und des lokalen Gastgebers Zhivko Stoilov, ihre Erfahrung, ihr Wissen und ihre Weisheit für die gemeinsame Suche nach einer neuen, kulturellen Identität Europas zur Verfügung zu stellen: Das neue Europa soll die einzigartige europäische Vielfalt auf der Basis einer grundlegenden Einheit integrieren. Damit wird sichtbar und erfahrbar, was einem Zitat der französischen Philosophin Julia Kristeva zufolge den Europäern selbst oft verborgen bleibt:

“Von New York oder Peking aus gesehen ist Europa wie ein Blumenstrauß. Es ist schwierig für die einzelnen Blumen dieses Straußes, die Einheit zu erkennen, mit der sie verbunden sind, zumal die Essenz dieses Straußes nicht zum Gegenstand echter Aufmerksamkeit gemacht wird.”

 

Geschichte einer europäischen Vision

Den Impuls zur Gründung von Co-Creating Europe gab die spirituelle Lehrerin Annette Kaiser vor etwa 10 Jahren – parallel zum entstehenden Dauernarrativ einer europäischen Krise. Im Austausch mit den beiden anderen Gründern des Projekts, der Sozialaktivistin Sonja Student und dem Philosophen und Publizisten Thomas Steininger stellten sie sich die dringliche Frage: Wie kann in Europa ein neues, transnationales Bewusstsein als Grundlage einer inklusiveren, sozialeren und verbundeneren Kultur des Zusammenlebens entstehen?

Um an den Grundlagen eines solchen neuen europäischen Miteinanders zu arbeiten, begannen sie vor zweieinhalb Jahren mit Co-Creating Europe ein wachsendes Netzwerk aus Social-Change Aktivisten aus vielen europäischen Ländern aufzubauen mit dem Ziel, das Potential des europäischen Kultur- und Perspektivenreichtums für dieses Vorhaben zu mobilisieren. Co-Creating Europe arbeitet seither daran, die Einzigartigkeit unserer Regionen und Nationen, ihren kulturellen, historischen und spirituellen Reichtum sowie die Errungenschaften von Tradition, Moderne und Postmoderne für eine offene und plurale Gesellschaft erfahrbar zu machen.

2018 fand in Frankfurt am Main das erste europäische Treffen mit 30 PionierInnen aus 18 europäischen Ländern statt. Dabei gelang es, Experten aus verschiedenen Bereichen, wie sozialem, spirituellem und politischem Aktivismus, Kunst, Medien, Entwicklungspsychologie, Wirtschaft, Philosophie, Governance und Bildung zu versammeln und dauerhaft für die Initiative zu gewinnen.

Auf der Basis dieses Treffens wurden die Grundlagen weiter konkretisiert und manifestierten sich schließlich in acht Essentials, die in einem co-kreativen Prozess als Basis für eine transformative Neuausrichtung einer europäischen Gesellschaft definiert wurden. (https://co-creating-europe.eu/our-essentials/) Der Austausch innerhalb des Netzwerks wird seither in regelmäßigen Zoom-Calls unter Leitung von Elizabeth Debold weitergeführt. Außerdem werden unter der Supervision des Komponisten und Drehbuchautor Anders Nyberg (Wie im Himmel) European Walks in vielen Regionen durchgeführt: Dort werden ortsansässige Menschen eingeladen, sich beim Wandern in verschiedenen Kulturlandschaften gemeinsam mit international tätigen AktivistInnen über Visionen für Europa auszutauschen. Zudem konnte eine Geschäftsstelle eingerichtet werden und in Zusammenarbeit mit der internationalen Desingcommunity Montaia eine Website aufgebaut werden. Damit sind Vision, Mission, Essentials, Aktivitäten und Verantwortlichkeiten von Co-Creating Europe transparent und öffentlich zugänglich und können über ein holistisches Design ihre Wirkkraft entfalten.

Plovdiv 2019: Europäisch Sein und Werden in Aktion

Beim Co-Creating Europe Treffen in Plovdiv standen diese Fragen im Vordergrund: Wie kann ein neues europäisches Bewusstseinsfeld nicht nur beschworen und intellektuell konzeptualisiert, sondern auch gemeinsam gelebt und praktisch kreiert werden? Und wie können Synergieeffekte innerhalb des Netzwerks für neue Projekte und Kooperationen genutzt werden? Dafür zeigte es sich erneut als unabdingbar, Europa aus möglichst vielen Perspektiven wahrzunehmen und insbesondere die Perspektiven von Aktivisten aus osteuropäischen Ländern stärker zu integrieren.

Die Spaltung zwischen Ost und West zu bezeugen und aus einer höheren Perspektive zu versöhnen, ist dabei immer wieder eine zentrale Herausforderung. Ein wichtiger Beitrag hierzu, waren die vielfältigen Begegnungen mit dem bulgarischen Team von Co-Creating Europe sowie die Besuche kultureller, historischer und spiritueller Orte: Letztere gaben einen tieferen Einblick in die alte und wechselvolle Geschichte der Region um Plovdiv. Über 8000 Jahre lang war sie, von ihren thrakischen Ursprüngen ausgehend nicht nur durch die griechische und römische Antike, sondern auch durch das orthodoxe Christentum, die Herrschaft des osmanischen Reiches, den Einfluss slavischer Kulturen, den Sozialismus und schließlich die Demokratisierung und den EU- Beitritt geprägt. Hier verdichten sich auf engstem Raum viele der prägendsten Einflüsse Europas aus Ost und West. Ein Begrüßungsritual mit traditionellen Tänzen und Gesängen, das Angebot einer professionell angeleiteten Paneurhythmie-Praxis am Morgen und der gemeinsame Besuch eines Konzerts mit Stücken des bulgarischen Lehrers Peter Danow machten die lange Tradition erfahrbar.

Um den Boden für die gemeinsame Arbeit zu bestellen, begann der erste Tag des Treffens mit einer Auseinandersetzung mit dem Begriff der Krise. Krise, als Konzept aus der griechischen Medizin, beschreibt ursprünglich, bei Hippokrates, den Höhepunkt eines Krankheitsverlaufs von dem aus entweder Heilung oder ein unwiederbringlicher Niedergang beginnt. Das chinesische Zeichen für Krise deutet auf eine ähnliche Ambiguität hin, indem es sich aus den Zeichen für Gefahr und Chance zusammensetzt. Krisen sind Entscheidungsmomente in Geschichten, und die Geschichtlichkeit Europas ernst zu nehmen, gehört zum Fundament von Co-Creating Europe. Einerseits ist es ein Kernanliegen der Initiative, die historisch gewachsenen Errungenschaften Europas wie Demokratie, Menschenrechte, die Würde des Individuums, Gleichheit, Rechtsicherheit und kulturelle Vielfalt zu erhalten und zu stärken, ohne dabei die Schatten dieser Errungenschaften zu verdrängen oder einem neokolonialen Sendungsbewusstsein zu verfallen. Auf der anderen Seite besteht ein Anliegen darin, die verschiedenen und vielfältigen Narrative über Europa zu sammeln, sie zu hören und in ihrer Vielstimmigkeit zu würdigen. Nur wenn es gelingt diese Geschichten mit einer tiefen Wertschätzung ihrer Diversität zu bündeln und zu transformieren, kann ein neues, positives Narrativ über Europa entstehen, welches in seiner Essenz dem Bild des eingangs beschriebenen Blumenstraußes gleicht. Unter diesen Vorzeichen bildete auch Storytelling eine wesentliche Komponente des Treffens. Ein weiterer Schwerpunkt war die Beschäftigung mit den Essentials, durch die sich alle Teilnehmerinnen mit den Prinzipien des Projekts verbinden konnten: intellektuell, dialogisch, künstlerisch, durch Storytelling, Bewegungen und Gesten und in Stille.

 

 

Alle Essentials lagen als Postkarten und Poster mit den zugehörigen Piktogrammen und einer Vielzahl weiterer Materialien vor und stehen den inzwischen von vielen Teilnehmern ins Leben gerufenen lokalen und regionalen Co-Creating Europe Gruppen zur Verfügung. Darüber soll das bereits geschaffene gemeinsame Fundament einfach vermittelbar werden, so dass es konkret und kontextspezifisch weiterentwickelt werden kann.

Auf dieser Grundlage wurden in den folgenden Tagen, moderiert von Anne-Marie Voorhoeve, Gründerin des Hague Center for Global Governance, Innovation & Emergence, die Themen und Fragestellungen der Teilnehmer in den Vordergrund gerückt: die besondere Rolle von urbanen Räumen im europäischen Kontext; Spannungen, Missverständnisse und historische Traumata zwischen West- und Osteuropa; Energiearbeit, Medien- und Öffentlichkeits-Projekte; Aktivismus auf Grundlage von Non-Dualität; Community Buildung und viele mehr. Durch die unterschiedlichen kulturellen und professionellen Hintergründe der TeilnehmerInnen konnten diese Fragestellungen multiperspektivisch betrachtet werden und wertvolle Impulse für individuelle Projekte sowie die gemeinsame Arbeit und Ausrichtung von Co-Creating Europe gesammelt werden. Ein Harvesting-Team half bei der Sicherung der Ergebnisse. Besonders eindrucksvoll war die Darstellung des gesamten Prozesses und seiner tieferen Ergebnisse in einem großen Wandbild des Visual Facilitation Experten Mathias Weitbrecht.

 

 

Schritte in die Zukunft

Als konkrete Vorhaben von Co-Creating Europe wurden u.a. beschlossen: die Gründung weiterer Lokalgruppen durch Mitglieder des Netzwerks, ein fortlaufender Arbeitskreis zu Trauma und Heilung der Konflikte zwischen West- und Osteuropa, ein Projekt zur Geschichte Europas mit dem Schwerpunkt auf co-kreative Prozesse und ihre Errungenschaften, die Ausweitung der Walks, gemeinsame Präsentationen auf Konferenzen so

wie die Übernahme des europäischen Teils eines globalen Peace Caravan zum United Nations Day of Peace im September 2020. Die Ergebnisse des Treffens sowie die fortlaufenden Aktivitäten des Netzwerks werden dabei in Zukunft von einem transnationalen Team in Form eines multimedialen Blogs und über soziale Medien angekündigt, dokumentiert und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Zusätzlich sind für 2020 zwei weitere Netzwerktreffen geplant. Das erste wird in der Nähe von Korinth stattfinden und ausgerichtet von Co-Creating Europe in Kooperation mit Dr. Athena Potari, Philosophin und Expertin für die Geschichte griechischer Religion und Spiritualität.

Fazit: Ausgehend von der grundlegenden Einheit allen Seins ist es im geschützten Raum des Treffens gelungen, die einzigartigen pluralen Identitäten und Kulturen Europas zu halten und miteinander in einen transformativen Dialog zu bringen. So konnten sich die Unterschiede als produktive Vielfalt gestalten und in konkrete Projekte für ein neues europäisches Miteinander münden. An der Verbreitung dieses transnationalen Bewusstseins können wir alle gemeinsam wirken, egal wo wir herkommen und in welchem Land wir leben. Denn Europa ist das, was die EuropäerInnen daraus machen. Wir können das Neue schaffen, ohne unsere Wurzeln zu verlieren, ein menschlicher Platz zwischen Himmel und Erde.

Co-Creating Europe ist als eingetragener, gemeinnütziger Verein anerkannt und für die Fortführung seiner Aktivitäten auf Spenden angewiesen. Wir freuen uns auf Ihre Unterstützung!

Kontodaten: 

Co-Creating Europe e.V. 

IBAN: DE93430609674125627200 

BIC: GENODEM1GLS GLS Bank

Geschäftsadresse: Co-Creating Europe Poppelsdorfer-Allee 40b 53115 Bonn

Wenn Sie Teil der Inititative werden möchten, wenden sie sich bitte an Julian Baller unter info@co-creating-europe.eu

Von Sonja Student und Julian Baller

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